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Im Schatten des Pik Lenin
Ein Bericht über unsere Erlebnisreise zur Seidenstraße im Sommer 2005 von Günter Ermlich, Reisejournalist der Wochenzeitung „DIE ZEIT“
Zur Reise "Faszination Seidenstraße - Jurten und Kamele"
Hier das großartige Panorama verschneiter Berggipfel, dort die Kulisse des Zerfalls. Eine Rundreise durch das schöne, bitterarme Kyrgystan Um fünf Uhr singen die Lerchen, der Nebenmann schnarcht. Draußen ist es bitterkalt, Raureif liegt über der Steppe, der Wind pfeift um die hölzernen Toilettenkabinen. Katzenwäsche im eisigen Gebirgsbach. Noch verschwimmen die Fünftausender im grauen Morgendämmer. Als die Sonne hinter den Bergen emporsteigt, zeichnen sich im zartrosa Licht die Konturen der Umgebung ab: eine Kette von schneebedeckten Gipfeln, davor der aquamarinblaue Song-Kul, Grasland, auf dem Pferde weiden, und ein paar pilzförmige Filzjurten, die im Halbkreis stehen. Was für eine Weite, was für eine Stille! Ein Standbild für die Ewigkeit. Von der Hauptstadt Bischkek bis hierher hatte der Kleinbus unserer Reisegruppe sieben, acht Stunden gebraucht. Er war über Schlaglöcherstraßen und Schotterpisten gerumpelt, über steile Serpentinen hoch zum Dolon-Pass gekrochen, hatte übervoll beladene Schrottlaster passiert, die sowjetisches Altmetall nach Süden ins stahlgierige China transportieren. Jetzt sind wir mitten in Kyrgystan, mitten in der Weltabgeschiedenheit, in einem Jurtencamp für Touristen auf der Song-Kul-Hochebene. Nicht weit entfernt ducken sich vom Wetter gegerbte, traditionelle Nomadenzelte auf den jailoos, Weideplätzen in den Hochtälern, zwischen Seeufer und Bergrücken. Von Juni bis September übersommern hier die Hirtenfamilien mit ihren Herden – Pferden und Kühen, Schafen und Ziegen und den seltenen Yaks. Nomaden auf Zeit.
Aus dem Schornstein der nächsten Jurte dringt Rauch. Unter einer Plane stapeln sich Briketts aus Schaf- und Kuhdung. Über dem Zaun des Pferchs hängen Kleider zum Lüften, auf bunten Bettlaken sonnen sich Lämmer. Die Nomadin bittet uns in die Stube. Kymyz? Nicht schon wieder!
Auf den Straßen fahren deutsche Gebrauchtwagen und Eselsgespanne Wir laufen über Berghänge, die bedeckt sind von Blumenteppichen. »Wie bei uns an Fronleichnam«, sagt jemand entzückt. Lila Ziest und weißes Läusekraut, Mädchenhaargras und Vergissmeinnicht. Und das Allerschönste: Es gibt Edelweiß in rauen Mengen. Die Luft auf gut 3000 Metern ist verdammt dünn, erbarmungslos brennt jetzt die Steppensonne. Beim Picknick auf einem Bergsporn umschwirren uns gelbe Schwalbenschwänze, durch das Fernglas erkennen wir einen Steinadler am Himmel, von irgendwo pfeift das Murmeltier. Die grünen Berghänge sehen aus wie ein Samtkleid mit Falten.
Kyrgystan, das wegen seiner imposanten Bergwelt die »Schweiz Zentralasiens« genannt wird und knapp fünfmal so groß ist wie die europäische Schweiz, grenzt an die Flächenriesen Kasachstan und China sowie an Usbekistan und Tadschikistan. Ein gutes Drittel des Landes liegt über 3000 Metern, die höchsten Gipfel des Gebirgsmassivs Tien-Schan, was zu deutsch Himmelsberge heißt, übersteigen locker die 7000 Meter, der Pik Pobeda, Gipfel des Sieges, etwa oder der Pik Lenin.
Abends im Camp kocht Gulbara, eine kleine rundliche Frau, über der Feuerstelle im Freien dymdama, das Eintopfgericht aus Kartoffeln, Kohl, Möhren, Zwiebeln, Paprika und Hammelfleisch. Mit ihrem Mann und ihrer Schwester betreibt sie im Sommer das Camp, während ihre Kinder bei Verwandten in der Stadt bleiben. Eigentlich sei sie ja Ärztin, arbeite als Epidemiologin im Krankenhaus. Dass sie im Camp mehr verdienen kann als im Krankenhaus, sagt sie nicht, sondern: »Die Arbeit mit den Touristen macht mir Spaß, dabei kann ich mich erholen.« Wir hocken auf Filzteppichen im Schneidersitz oder knien vor dem niedrigen Tisch. Die dymdama schmeckt damdu, lecker. Nach dem Essen heizt uns das Folkloretrio ein, das von weit her angereist ist. Die Männer tragen den traditionellen Filzhut kalpak, einer spielt die zweisaitige Laute komuz, ein anderer erzählt Geschichten aus dem Manas-Epos, das mit über zwei Millionen Versen das längste Gedicht der Welt ist. Unermüdlich kreist die Flasche Wodka. Draußen unterm Himmelszelt ziehen Sternschnuppen vorbei. Könnten wir doch einen Tag länger hier bleiben! Doch wir haben noch eine lange Rückreise vor uns.
Natürlich wäre es weitaus schneller und bequemer gewesen, von Frankfurt oder Hannover nach Bischkek zu fliegen, aber wir sind mit BUND-Reisen unterwegs, einem ökologischen Veranstalter, der nur erdgebundene Touren anbietet. Also haben wir uns dem Reiseziel behutsam genähert, sind mit der russischen und kasachischen Eisenbahn tage- und nächtelang, Tausende von Kilometern, gefahren und haben nur das letzte Stückchen im Bus zurückgelegt.
Für Bischkek, die Hauptstadt, hatten wir wenig Zeit. Schnell ein paar Euro in Som wechseln, dann sich auf dem Basar mit Reiseproviant eindecken, kurut, getrockneten Jogurtbällchen, und Weißbrotkringeln, Nüssen und Aprikosen, ein paar Schnappschüsse machen von den zwei kleinen Kirgisen in verwaschenen David-Beckham- und Eric-Clapton-T-Shirts. Bischkek, das zu Sowjetzeiten Frunse hieß, ist – bar orientalischen Flairs – sicher keine Schönheit. Breite Straßenachsen, überdimensionierte Plätze und Plattenbauten, an denen heute Werbeplakate westlicher Produkte hängen. Aber zwischen dem Einheitsgrau sieht man auch viel Grün, gepflegte Parks mit Springbrunnen. Auf dem zentralen Ala-Too-Platz steht jetzt ein bombastischer Freiheitsengel anstelle des großen Lenin, im Parterre ehemaliger Fabrikgebäude sind Geschäfte, Cafés und Bars eingezogen. Liebespärchen und Familien mit Kinderwagen flanieren auf dem mit Lampions erhellten Boulevard.
Der Weg in den Nordosten des Landes führt entlang der alten Seidenstraße durch die Schlucht des Flusses Chui. Immer wieder sehen wir Eselsgespanne, auf denen Familien hocken, und Traktoren, die Wagen mit abenteuerlich hoch gestapeltem Heu hinter sich herziehen. Junge Burschen galoppieren auf ihren Pferden über die Landstraße. Und wir begegnen auffällig vielen deutschen Autos, Gebrauchtwagen, die nach Kyrgystan gefunden haben.
An der strohgedeckten Strandbar erklingen Reggae-Rhythmen An den Issyk-Kul, nach dem Titicacasee der größte Gebirgssee der Welt, hätten wir zu Sowjetzeiten nicht fahren dürfen. Damals war die Region ein exklusives Sommer- und Badeziel für die Nomenklatura und wegen der Höhenlage bevorzugte Trainingszone für Athleten und Astronauten. Heute ist der »heiße See«, der sich aus warmen Quellen speist, die erste touristische Adresse Kyrgystans: wegen des kristallklaren Wassers und milden Heilklimas, der feinen Sandstrände und der frischen Seebrise, wegen des Dufts der Nadelbäume und der 280 Sonnentage im Jahr. Doch das einzige große Hotel, das Aurora, ein Kasten im reinsten Sowjetstil, das wie ein weißer Dampfer im weitläufigen Park liegt, atmet noch die Geschichte von gestern. Das nüchterne Mobiliar, der übergroße Speisesaal, das lieblose Essen, der bescheidene Service. Wenn aber abends die Wellen sanft ans Ufer schwappen und an der mit Stroh gedeckten Strandbar Reggae-Rhythmen erklingen, dann übertüncht das karibische Feeling die postsowjetische Tristesse.
Wegen seiner ökologisch intakten Hochgebirgslandschaften wurde das Gebiet um den Issyk Kul zum Biosphärenreservat erklärt. Das neue Ökozentrum, das mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) aufgebaut wurde, sammelt Umweltdaten und will die Öffentlichkeit über das Reservat informieren. Der Leiter schwärmt von der Artenvielfalt, den über 30000 Steinböcken, 10000 Marco-Polo-Schafen, den seltenen Tierarten wie dem Tien-Schan-Reh, dem Turkestan-Fuchs und den bedrohten Schneeleoparden, von denen es nur noch einige hundert Exemplare gibt, zu Sowjetzeiten waren es zehnmal so viele. Fast machtlos seien die 34 Ranger gegen die Wilderer, die die scheue Großkatze wegen des prächtigen Fells jagen. Für den Preis eines Fells muss ein Kirgise mehrere Jahre arbeiten. »Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die Menschen wegen der wirtschaftlich schlechten Lage gezwungen zu wildern«, sagt der Leiter des Ökozentrums.
Kyrgystan gehört mit einem Bruttoinlandsprodukt von 425 US-Dollar pro Kopf zu den ärmsten Entwicklungsländern der Welt. Neben der Landwirtschaft und der Goldmine Kumtor, einem kanadisch-kirgisischen Joint Venture, bietet wegen der landschaftlichen Schönheit nur der Tourismus eine Chance auf Einkommen und Entwicklung. Doch Kyrgystan ist noch wenig erschlossen. Zwar gibt es mittlerweile Wander- und Trekkingtouren, Angel- und Jagdausflüge, Ausritte zu Pferd und Rundreisen, doch vor allem an Unterkünften westlichen Standards mangelt es.
Karakol, die drittgrößte Stadt des Landes, ist eine Ansammlung einstöckiger Häuser mit dem Basar als Zentrum. Morgens haben wir das Museum und die Grabstätte von Nikolaj Prschewalskij, dem russischen Entdeckungsreisenden in Zentralasien, besucht, nachmittags eine russisch-orthodoxe Holzkirche mit Wunderikone und eine dunganische Moschee besichtigt und abends an der langen Tafel einer uigurischen Familie ein opulentes Mahl und die Herzlichkeit der Hausherrin genossen.
Danach verteilt sich unsere Reisegruppe auf drei Gastfamilien. Wir landen bei Dschamilja. Sie heißt wie die Heldin der gleichnamigen Erzählung des Nationaldichters Tschingis Aitmatow. Am Hauseingang stehen Filzlatschen bereit, es gibt zwei propere Bäder und eine Toilette. Die Familie hat für eine Nacht das Wohnzimmer mit zwei plüschigen Ausziehsofas und ein Schlafzimmer mit blauem Sternenhimmel geräumt. Am nächsten Morgen frühstücken wir in der Jurte, die im Garten zwischen Kohlköpfen und roten Rosen für uns aufgestellt wurde.
Auf Initiative einer Schweizer Entwicklungshilfeorganisation wurde vor zehn Jahren ein Netzwerk kleiner touristischer Anbieter gegründet, zu dem auch Dschamiljas Bed & Breakfast gehört. Sie habe als Lehrerin für Geschichte und kirgisische Sprache gearbeitet, erzählt die 54-Jährige auf Englisch, »aber nach dem Kollaps des Sowjetsystems konnte ich von dem geringen Lehrergehalt nicht mehr leben«. Sie bekommt 10 bis 15 Euro pro Gast. »Früher durfte man ja kein Business haben«, sagt Dschamilja, die selbstständige Unternehmerin, »heute habe ich die Freiheit, Touristen zu empfangen.« Wir haben Dschamiljas Sätze noch im Kopf, als wir von ihrem Haus aus ein Stück zu Fuß gehen. Im Hintergrund das großartige Panorama verschneiter Berggipfel, im Vordergrund die Kulisse des Zerfalls. Überall marode Mauern, gefährlich schräge Strommasten, Brachen mit herumliegenden Schrottteilen, ein zuwuchernder Autofriedhof, das Betonskelett einer geschlossenen Fabrik. Stumm grüßend, zieht ein Greis seine Kuh hinter sich her. Etwas später bittet uns ein Mann um eine Zigarette. Weil keiner von uns raucht, reicht ihm jemand einen Kugelschreiber, dafür fordert uns der Mann gestenreich auf, von seinem Baum Kirschen zu pflücken.
»Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion…« oder »nach dem Kollaps des Sowjetsystems…«, so fangen viele Sätze in Kryrgystan an. Aber viele beginnen jetzt auch mit den Worten »nach der Revolution im März«. Sie meinen eine zweite Zeitenwende, aus ihnen spricht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. (c) DIE ZEIT 25.08.2005 Nr.35
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Mit Nargisa, der jungen Dolmetscherin, machen wir uns auf die Wanderung. Alle paar hundert Meter stehen Jurten. Vor einem Zelt sitzt eine Frau und melkt Stuten, ihre Töchter halten die Fohlen fest. Wenig später kommt uns ein Mädchen mit schwarzem Zopf und pinkfarbenem Kleid entgegen, gießt aus einem Henkeleimer weiße Brühe in eine Schale und reicht sie uns, freundlich nickend. Es ist kymyz. Die gegorene Stutenmilch schmeckt halb rauchig, halb säuerlich. »A gscheits Weißbier wär mir liaba«, schüttelt sich einer der Bayern aus unserer Gruppe.
Was haben wir vor der Reise von dem kleinen Bergland gewusst? So gut wie nichts, hätte nicht im März die »Tulpenrevolution« stattgefunden, als oppositionelle Demonstranten das Regierungsgebäude stürmten und den langjährigen Präsidenten Akajew aus dem Amt vertrieben. Seit den Wahlen im Juli regiert Interimsstaatschef Bakijew die ehemalige Sowjetrepublik, die 1991 ein unabhängiger Staat wurde. Russisch ist auch nach wie vor Lingua franca. Kyrgystan hat fünf Millionen Einwohner, drei Viertel der Bevölkerung sind sunnitische Muslime. 80 Nationalitäten leben im Land, zwei Drittel davon Kirgisen, die zu den ältesten Turkvölkern zählen, aber es gibt auch viele Russen und noch einige wenige Russlanddeutsche, die einst von Stalin hierher deportiert wurden. Vom neuen Präsidenten erhofft sich das Volk weniger Korruption und wirtschaftlichen Aufschwung.







